Samstag, 12. September 2015

Frisch aus dem Kinosaal: Victoria

(© Senator Filmverleih)

Nachdem der Film nun schon seit knapp drei Monaten in den deutschen Kinos läuft und einige Preise auf der Berlinale und beim deutschen Filmpreis abräumen konnte, hab ich's nun auch endlich mal geschafft mir 'Victoria' anzuschauen.
Und ich kann nur eins sagen: Regisseur Sebastian Schipper (Absolute Giganten, Ein Freund von mir) und seiner Crew ist hier ein absolutes Meisterstück gelungen.
Wir verfolgen dabei die titelgebende Victoria, eine Spanierin in Berlin, die sich nach einer durchzechten Nacht den vier "nicht-zugezogenen" Berlinern Sonne, Boxer, Fuß und Blinker (Frederick Lau, Franz Rogowski, Max Mauff, Burat Yigit) auf ihrem Weg durch die Nacht anschließt und dabei in eine, für alle Beteiligten, unangenehme Situation gerät.

Das war es nun auch schon mit der Subjektivität, denn ich bin noch immer unglaublich gefesselt. 'Victoria' zeigt uns einen unfassbaren Realismus - und das ist auch der größte Clou des Films, denn er besteht aus einer einzigen, 140-minütigen Kameraeinstellung, ohne jeglichen Schnitt. 
Das allein ist schon aller Ehren wert und Kameramann Sturla Brandth Grovlen stellt für mich selbst die Arbeit des, von mir hoch geschätzten, Emmanuel Lubetzki (Gravity, Birdman, Knight of Cups) in den Schatten. Er bleibt mit seiner fast dokumentarischen Kamera stets am Puls und präsentiert uns wunderbare Bilder des nächtlichen und frühmorgendlichen Berlins.
Doch was wirklich tief in den Film reißt und Einen, wie in sonst kaum einem Film, mitfiebern lässt, ist der Realismus, der hier auf die Leinwand gebannt wurde. 
Die Charaktere sind absolut glaubwürdig, nicht klischeehaft überspitzt und zu jeder Zeit ist man überzeugt, dass diese genau so existieren könnten. Und zumindest das Geschehen im ersten Drittel des Films haben wohl die Meisten schon in ähnlicher Weise erlebt.


Der Film präsentiert eine Außenseiter-Geschichte zwischen Party, Liebe, Freundschaft und Hass, all das verpackt im gnadenlos authentischen Jetzt.
'Victoria' reißt von Anfang bis Ende mit und fasziniert auf eine ganz besondere Art und Weise. Auch 'Birdman' kam ohne viele Schnitte aus, doch so konsequent wie 'Victoria' war auch dieser bei weitem nicht.
Wenn man bedenkt, dass der Film tatsächlich in einer Einstellung gedreht und zu großen Teilen improvisiert ist, erschlagen einen quasi die Ausmaße der Ambitionen dieses Projekts - und umso unglaublicher ist es, dass es so perfekt funktioniert hat. Sämtliche (Jung-) Schauspieler bieten eine fulminante Leistung, allen voran die wunderbar süße Laia Costa (Victoria) und Frederick Lau, der die Rolle von 'Sonne' stark zwischen Euphorie, Rauschhaftigkeit und Selbstbewusstsein, aber auch Loyalität und Mitgefühl interpretiert. Doch auch sämtliche weiteren Darsteller bieten durch die Bank weg hervorragende Leistungen.

Ein großer Teil der Authentizität entspringt auch daraus, dass die Dialoge des Films zu über der Hälfte in einem betrunkenen, gebrochenen Englisch - da Protagonistin Victoria als Spanierin kein Deutsch versteht - vorgetragen werden. Oft hat man deswegen ein belustigtes Grinsen im Gesicht - und wird gleichzeitig an sich selbst oder einem bekannte Personen erinnert, die sich im Gespräch in englischer Sprache ebenso unbedarft aber trotzdem sympathisch und verständlich verhalten.
Leider führt eben dieser enorme Teil an englischer Sprache im Film - dem aktuellen Stand nach - dazu, dass 'Victoria' bei der kommenden Oscarverleihung nicht für den besten fremdsprachigen Film antreten darf. Doch ich hoffe zutiefst, dass der Film auch im Ausland seine Wellen schlagen wird und zu dem Ruhm kommt, den er ohne Frage verdient.
Denn klar ist: Das ist etwas Neues, etwas Gewagtes, etwas Innovatives. Genau dieser Mut sollte belohnt werden und andere Filmemacher anstiften, denn so etwas faszinierendes und mitreißendes habe ich seit Ewigkeiten nicht gesehen - und wenn man sich die einschlägigen Kritikermeinungen ansieht, steh ich mit meiner Sichtweise bei weitem nicht alleine da.
Ich kann nur sagen: Danke Sebastian Schipper, danke Sturla Brandt Grovlen, danke an die gesamte Crew. 'Victoria' ist ganz, ganz großes Kino und genau das bestätigt mich mal wieder in meiner Liebe zum Film. 
Vielleicht sind die Eindrücke noch zu frisch - ich stand nach dem Film erstmal 15 Minuten vor dem Kino, habe mehrere Zigaretten geraucht und war sprachlos - aber im Moment ist der Film für mich eine 10 von 10. Und ich weiß beim besten Willen nicht, bei welchem Film ich zuletzt eine solche Wertung hätte vergeben können.

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