Donnerstag, 8. Oktober 2015

#Horrorctober: Ich seh, Ich seh


So, weiter geht's mit Film Nummer Vier des Horrorctober und dem dritten sehr aktuellen. Und zwar geht es um den österreichischen Film 'Ich seh, Ich seh' von Veronika Franz und Severin Fiala. Produziert wurde er von Ulrich Seidl, der bereits für Werke der unangenehmeren Art wie 'Import, Export' oder seine 'Paradies'-Trilogie bekannt ist.
In den (nahezu) einzigen Rollen sind Susanne Wuest als Mutter und die Zwillinge Elias und Lukas Schwarz als deren Söhne zu sehen.

Zur Handlung: Die beiden zehnjährigen Zwillinge Elias und Lukas wohnen allein mit ihrer Mutter in einem großen Haus, mitten in der österreichischen Natur. Nach einer Gesichts-OP kommt die Mutter mit komplett einbandagiertem Gesicht zurück und verbringt die folgende Zeit fast gänzlich abgeschottet von der Umwelt in ihrem abgedunkelten Zimmer. Auch ist sie schnell gereizt, will ihre Ruhe, vernachlässigt ihre Söhne und behandelt diese insgesamt nicht so, wie sie es gewohnt waren. 
Die Zwillinge beginnen daraufhin daran zu zweifeln, dass sie tatsächlich ihre wirkliche Mutter vor sich haben - dies verstärkt sich noch, als sie ein Foto finden, welches ihre Mutter anscheinend mit einer Zwillingsschwester zeigt, was schließlich das Misstrauen in solche Höhen treibt, dass Elias und Lukas auch vor sehr drastischen Maßnahmen nicht zurückschrecken...

'Ich seh, Ich seh' ist eigentlich kein wirklicher Horrorfilm. Das zeigen auch schon die vielen Vergleiche mit Michael Hanekes 'Funny Games', der ja auch mehr Psychothriller als Horrorfilm ist.
Und die Vergleiche hinken auch beim besten Willen nicht - die Regisseure schaffen es eine wirklich unangenehme Stimmung und Atmosphäre zu schaffen. Und all das fast Kammerspiel-mäßig unter Mutter und Kindern und begrenzt auf deren Grundstück. 
Der Film schafft es grandios, die Angst vor der eigenen Mutter, welche die Kinder verspüren, zu vermitteln. Die Stimmung ist durchgehend angespannt und geht unter die Haut. Darauf aufbauend spielt 'Ich seh, Ich seh' sehr perfide mit dem Zuschauer, indem er ihn komplett im Dunkeln tappen lässt, wer denn der Böse im Film ist - die Mutter, die Kinder, oder gar niemand?
Diese bedrückende Spannung baut sich bin zum großen Finale immer mehr auf und entlädt sich schließlich mit (mindestens) einem Knall!

Die Leistungen der Schauspieler sind dabei sehr überzeugend. Susanne Wuest spielt die ambivalente Rolle der Mutter wirklich klasse von knallhart bis zerbrechlich, ob mit oder ohne Gesichtsmaske und auch die beiden Kinderdarsteller sind weit weg von nervig, sondern haben etwas süß-bösartiges-naiv-brutales. Eine Mischung von der man nicht dachte, dass es sie gibt und erst recht nicht, dass man sie so gut vermitteln kann. Mir kam dabei sogar mehrmals der Gedanke, dass 'Ich seh, Ich seh' fast als Vorgeschichte zu 'Funny Games' durchgehen könnte, wo es auch ein wunderbares - und teilweise erschreckend vergleichbares - Zwillingspaar gibt.
Der Film bietet darüber hinaus wirklich stimmige Bilder. Er startet bereits mit einem tollen 'Intro' und schafft es - auch durch sehr eingeschränkten Musik- und Sound-Einsatz - im weiteren Verlauf die bedrückende Atmosphäre auf beengtem Raum klasse zu übertragen. 

Viel negatives ankreiden kann ich dem Film eigentlich nicht. Einige Punkte am Drehbuch sind mir jedoch aufgefallen, die ich vielleicht anders gemacht hätte, denn nicht immer sind die, teils sehr drastischen, Entscheidungen von Mutter oder Kindern nachzuvollziehen. 
Mein Hauptkritikpunkt wäre jedoch, dass der Film mit einem Twist aufwartet, den ich bereits zu Beginn durchschaut hatte - wobei ich mich im Verlaufe der 90 Minuten dann auch gefragt habe, ob es nicht eine bewusste Entscheidung der Filmemacher war, den Zuschauer immer wieder mit der Nase darauf zu stoßen. Denn spätestens in der zweiten Hälfte wird es doch sehr klar, was Sache ist. Das schadet dem Ende allerdings nicht, denn 'Ich seh, Ich seh' ist kein Shyalaman-Film, der ohne Twist nicht funktioniert.
Dementsprechend kann ich nicht sagen, ob es nicht tatsächlich gewollt ist, dass der Zuseher nach und nach dem Geheimnis auf die Spur kommt und der Twist gar kein Twist im klassischen Sinne sein sollte. Deshalb will ich das auch nicht harsch kritisieren - vor allem, da der Film so wie er ist sehr gut funktioniert.

Insgesamt hat mich 'Ich seh, Ich seh' nahezu vollends überzeugt. Die Idee ist klasse umgesetzt und entwickelt eine durchgängig unangenehme und perfide Atmosphäre, wobei der Film immer wieder mit seinen Zuschauern spielt und diesen in seiner Sichtweise auf die Protagonisten hin und her wirft.
Als großer Fan von 'Funny Games' war ich zunächst skeptisch, ob der Vergleich zu diesem nicht zu groß ist. Aber ich muss sagen: 'Ich seh, Ich seh' kommt schon sehr nah an die Stimmung, die ein Haneke geschaffen hat, heran - auch wenn 'Funny Games' selbstverständlich unerreicht bleibt. Aber für Freunde des Films sei 'Ich seh, Ich seh' wirklich wärmstens empfohlen.
Ein wenig vergleichbar ist er auch mit 'The Babadook', der auch auch in diesem Jahr in den deutschen Kinos startete. Beide Filme schaffen es - wenn auch auf andere Art und Weise - Psycho- und Familiendrama mit Horrorelementen zu verbinden, womit sie fast schon in der Tradition eines 'Shining' stehen. Ich steh drauf, gerne können in nächster Zeit mehr Filme in diese Richtung gehen - und wenn man sich die Kritiken anschaut, dürfte das gar nicht mal so utopisch sein.
Wirklich gute 8 von 10 Punkten für 'Ich seh, Ich seh'!




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