Donnerstag, 5. November 2015

Frisch aus dem Kinosaal: Spectre

(Metro-Goldwyn-Mayer/Columbia-Pictures)


Man stelle sich vor, es gibt eine seit über 50 Jahren weltweit erfolgreiche Filmreihe, die vor drei Jahren ihren erfolgreichsten Ableger ins Rennen schickte, damit den Weg ebnete für einen weiteren, 275 Millionen Euro schweren, Teil und mit diesem dann einen zähen, überambitionierten und insgesamt enttäuschenden Film abliefert. 
Hört sich traurig an, ist auch so - schade James.

Aber erstmal zum Film. Nach 'Skyfall' übernahm auch hier wieder Sam Mendes die Regie. Auch in die Rollen schlüpfen wieder die gewohnten Darsteller - Daniel Craig als James Bond, Naomie Harris als Moneypenny, Ralph Fiennes als M, Ben Wishaw als Q und neu dabei Christoph Waltz als Bösewicht Franz Oberhauser, Monica Bellucci und Lea Seydoux als Bond-Girls und Andrew Scott als Max 'C' Denbigh.

Die Story des Films wirft den Zuseher diesmal mitten in einen ungenehmigten Einsatz Bonds in Mexico City, infolgedessen er einer weltweit agierenden Geheimorganisation auf die Schliche kommt. 
Währenddessen kämpft 007's Vorgesetzter M in London mit einer neuen Gesetzgebung, die die Geheimdienste gleichschalten und die Spione durch allumfassende Überwachung ersetzen soll. Personifiziert wird dies durch den schmierigen Max Denbigh, Chef des MI5 und größter Kämpfer für die neue Gesetzgebung.
Auf den Spuren der geheimen Organisation verschlägt es Bond nach Rom, wo er durch seine Verführungskünste die Witwe Lucia Sciarra direkt nach der Beerdigung ihres Mannes ins Bett kriegen und ihr noch einige Informationen entlocken kann, die ihn auf eine wilde Fahrt um den Globus und schließlich in die Klauen von Bösewicht Franz Oberhauser treiben.



'Spectre' beginnt furios. Die ersten 15 Minuten bestehen aus einer perfekt inszenierten und gefilmten Plansequenz, die in einer furiosen Actionszene mit einem Helikopter gipfelt. Danach folgt die übliche Titelsequenz. Diese ist, obwohl mir der Titelsong von Sam Smith im Vorfeld überhaupt nicht gefallen hat, wunderbar designed und auch der Song passt dann doch sehr gut zu den Bildern. Auch danach kann der Film zunächst sein hohes Niveau halten, während er die Geschichte vor dem Zuschauer ausbreitet. 
Leider schafft es 'Spectre' überhaupt nicht, diese Faszination in das zweite und dritte Drittel des Films zu retten. Dies liegt zu großen Teilen daran, dass die Story in ihrer Breite viel zu undurchdacht ist - es fehlt ein durchgängiger roter Faden, der einen bei der Stange hält, man entdeckt klaffende Logiklöcher, die Figuren sind sehr eindeminsional und ihre Motivationen teilweise nicht erkennbar. Das führt dazu, dass James Bond von einem Ort zum anderen reist - Dialog hier, Verfolgungsjagd da - um Oberhauser auf die Schliche zu kommen. Und auch dieser ist verschenkt. 
Christoph Waltz macht seine Sache gut, allerdings ist es im Prinzip die selbe Rolle, die wir seit 'Inglourious Bastards' immer wieder sehen. Auch seine Rolle ist leider weder vielschichtig noch stringent geschrieben, seine Motivation wird nicht erkennbar. All das ist wirklich schade, hier wurde so viel Potential verschenkt und man fragt sich nur: "Wieso?"

Auch wenn man 'Spectre' in den Bond-Kosmos einordnet, hat er nicht viel mehr auf der Haben-Seite. Zwar versucht man sich an einigen Stellen an den älteren Streifen zu orientieren, gleichzeitig entfernt man sich aber an anderen Stellen umso weiter von den Bond-Standards. Diese Mischung funktioniert für mich leider nicht richtig. 
Was mich jedoch fast am meisten gestört hat ist, dass versucht wird mit diesem Film einen großen Rahmen um alle Craig-Bonds zu spannen. Dies wirkt von vorne bis hinten nur konstruiert und entfaltet die gewollte Wirkung leider überhaupt nicht. 
Nahezu genauso genervt hat mich der, hauptsächlich in der ersten Hälfte vorhandene, Slapstick-hafte Humor, welcher fast an die späten Roger Moore- oder die Pierce Brosnan-Bonds erinnert. Hier hätte man einfach bei der Linie der vorherigen Filme bleiben sollen. Und wieder bleibt nur die Frage: "Wieso?"

Doch obwohl 'Spectre' vom Drehbuch her - ich sag's nur ungern - eine totale Gurke ist, hat er natürlich auch viele positive Seiten. Allem voran die wunderschönen Bilder. 
Kameramann Hoyte von Hoytema ('Interstellar') beweist erneut sein Talent und taucht den Film in schöne, düstere Bilder. Auch die exotischen Schauplätze fängt er wunderbar auf Film ein, sei es in weiten Winkeln oder in schnellen Actionszenen. 
Die Action ist dabei selbstverständlich eines der großen James Bond-Trademarks und auch hier sehen wir eine Menge davon. Und schlecht ist diese auch nicht - wir sehen hervorragend choreographierte und gefilmte Verfolgungsjagden und Schießereien - aber so richtig herausstechend ist davon leider auch nichts. Man wird gut unterhalten, aber in Erinnerung bleibt dabei höchstens die Anfangssequenz. 
Selbst zum Ende hin schafft es der Film nicht das Tempo so anzuziehen, dass man gebannt vor der Leinwand sitzt - zu diesem Zeitpunkt hat sich 'Spectre' schon so gezogen und tut dies auch weiter, sodass man fast schon hofft, dass der Film nicht mehr allzu lange dauert. Und in diese Stimmung hinein kommt dann ein Ende, dass zwar zu diesem Zeitpunkt nach 150 Minuten auch kommen muss, einen jedoch komplett unbefriedigt zurück lässt. Es schließt den Film nicht richtig ab und soll wohl als eine Art Cliffhanger zum fünften und letzten Craig-Bond dienen - der anscheinend auf jeden Fall kommen wird, um dann alles abzuschließen.

Da ich jetzt wieder ins negative abgedriftet bin, nochmal zwei durchweg positive Punkte. Die Schauspieler sind durch die Bank weg klasse. Neben den außer Frage stehenden Craig, Waltz und Fiennes liefern vor allem Lea Seydoux und Andrew Scott grandiose Performances ab. Seydoux gefiel mir in 'Blau ist eine warme Farbe' bereits hervorragend, Scott als Moriarty in der Serie 'Sherlock'. Und beide bestätigen ihre vorherigen Leistungen.
Daneben ist Dave Bautista ein toller Handlanger des Bösewichts in alter Beißer-Tradition mit leider zu wenig Screentime. Allerdings kann man an dieser Stelle auf einen anschließenden nächsten Teil hoffen, denn diese Geschichte ist wohl ebenfalls noch nicht zu Ende erzählt. 
Auch Naomie Harris als Moneyponey und Ben Wishaw als Q spielen durchgehend gut.
Neben den Darstellern ist die Musik von Thomas Newman ein weiteres Highlight. Die bekannten Bond-Themes variiert er hier und da, fügt einige neue Melodien hinzu und schafft es die Bilder damit sehr cool zu untermalen.

Das wären nun die positiven und vor allem negativen Punkte des neuesten Bond-Abenteuers, die mir aufgefallen sind. Ich persönlich bin auf jeden Fall recht enttäuscht aus dem Kino gegangen - was man zum Teil bestimmt auch mit meiner großen Vorfreude erklären kann. Doch abgesehen davon, dass ich ein riesiger James Bond-Fan bin und gerne einen besseren Film gesehen hätte, ist 'Spectre' einfach kein guter Film. Aufgrund seiner Bilder und seiner Ernsthaftigkeit würde ich ihn noch immer 'Ein Quantum Trost' und den Brosnan-Bonds vorziehen, doch bleibt er wirklich meilenweit hinter 'Casino Royal' und 'Skyfall' zurück.
Hier wurde es nicht geschafft eine stringente, glaubhafte und vor allem unterhaltsame Geschichte über 150 Minuten zu erzählen. Auch weniger Laufzeit hätte daran wohl wenig geändert, hier war zu viel gewollt und die Umsetzung anscheinend nicht gekonnt. Und zum letzten Mal die Frage des Tages: "Wieso?"
Man hatte wirklich alle Möglichkeiten einen grandiosen Film zu machen und 'Skyfall' auf einem ähnlichen Level fortzusetzen - und scheitert leider an den riesigen Erwartungen. Ich werde mir den Film trotzdem noch mindestens einmal im Kino ansehen und vielleicht gefällt er mir dann ja doch noch mal etwas besser - allerdings freue ich mich bereits jetzt auf neuen Wind im Franchise durch einen neuen 007 und einen neuen Regisseur.  Ob vorher noch ein fünfter und abschließender Craig-Bond kommt, wird man sehen. 
Zunächst bleibt eine Enttäuschung - und da sind die wunderbaren Bilder in 'Spectre' für mich wirklich nicht mehr als ein Quantum Trost. 
6,0 von 10 Punkten. Das war nichts, 007. Wir sehen uns in knapp drei Jahren!


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