Donnerstag, 19. November 2015

Frisch aus dem Kinosaal: Steve Jobs


Fast genauso wie 'James Bond 007: Spectre' habe ich dem folgenden Film in den vergangenen Monaten entgegen gefiebert: 'Steve Jobs' von Danny Boyle. 
Das hat einige Gründe. Zum einen die großen Vorschusslorbeeren, die der Film bekommen hat. Zum anderen aber genauso Cast, der sich unter der Leitung von Danny Boyle versammelt hat. Michael Fassbender steigert sich gefühlt von Jahr zu Jahr, Kate Winslet ist schon länger im Kreis der großen Hollywood-Darstellerinnen angekommen und Seth Rogen sowie Jeff Daniels haben es geschafft bzw. sind auf dem besten Weg sich im ernsten Filmsegment zu etablieren. Und über allem steht Danny Boyle, der schon großartiges abgeliefert hat ('Trainspotting') und mit Aaron Sorkin ('The Social Network') hier auch noch einen großartigen Screenwriter zur Seite hat.
Neben all dem halte ich Steve Jobs für eine sehr faszinierende Figur, von der ich trotz einiger Dokumentationen und dem Film 'Jobs' von 2013 (mit Ashton Kutcher als titelgebender Figur) noch nicht übersättigt bin. 

Im Gegensatz zu 'Jobs', der als klassisches Biopic konzipiert ist, bietet Boyles 'Steve Jobs' eine frische, episodenhafte Darstellung. 
Man konzentriert sich hierbei auf drei verschiedene Produktpräsentationen von Steve Jobs (Macintosh, NeXT, iMac) in den Jahren 1984, 1988 und 1998, bzw. eigentlich auf die halbe Stunde vor diesen. In diesen finalen Minuten wird Jobs dabei immer wieder von seinen engen Vertrauten mit Problemen und Fakten konfrontiert, die ihn vor schwierige Entscheidungen stellen, mit denen er auch nicht immer souverän umzugehen weiß. Im Laufe der 14 Jahre, die die Filmhandlung umspannt, entwickeln sich dabei die Charaktere sowie deren Beziehung zu Steve Jobs teilweise erheblich. 
Die Personen, die Boyle und Sorkin hier in Konfrontation mit Jobs setzen sind die Apple- und NeXT-Marketingmanagerin Joanna Hoffmann (Kate Winslet), das eigentliche Technik-Genie hinter Apple Steve Wozniak (Seth Rogen), Apple-Softwareentwickler Andy Hertzfeld (Michael Stuhlbarg), der langjährige Apple-CEO John Sculley (Jeff Daniels), Jobs Tochter Lisa (Makenzie Moss, Ripley Sobo, Perla Haney-Jardine) und deren Mutter Chrisann (Katherine Waterston).



'Steve Jobs' wirft den Zuseher direkt mitten in die Geschichte. Es gibt keine große Exposition, keine Erklärung. Wir sehen Steve Jobs 1984 in den stressigen Vorbereitungen zur Präsentation des Macintosh. In dieser "Episode" wird der Fokus - wie in den anderen auch - knallhart auf Dialoge gesetzt. 'Steve Jobs' definiert sich eigentlich zur Gänze durch Charakterentwicklung, dargestellt durch Konversationen zwischen Jobs und verschiedenen Personen. Und diese Idee, den Film so zu gestalten und nicht näher an die Formel des Biopics anzulehnen ist genau richtig. 
Man erfährt so zwar relativ wenig über die verschiedenen Charaktere und die Geschehnisse abseits der Filmhandlung, allerdings ebnet diese Inszenierung mit wortgewaltigen Dialogen zwischen den immer gleichen Personen im Zeitraum von 14 Jahren den Weg für eine große Emotionalität im Film. Gerade dem Handlungsstrang um Jobs Tochter, die er zunächst nicht anerkennt, wird viel Platz eingeräumt und weiß zu überzeugen und mitzureißen. Doch neben diesem schafft 'Steve Jobs' es auch, alle weiteren Nebenpersonen in wenigen Gesprächen so aufzubauen, ihnen ein Gesicht zu geben, dass sich dieses später auszahlt und dem Zuschauer keine dieser Figuren egal ist. Im Gegenteil, man fiebert mit und ist an der Entwicklung dieser Charaktere interessiert. 
Durch diesen emotionalen und gefühlvollen Aufbau entwickelt sich eine Wucht, die sich in den Gesprächen entlädt. Vor allem zwischen Jobs und seiner Tochter, Wozniak oder Sculley funktioniert dies wunderbar. 

Steve Jobs und der NeXT 1988 - links im Film, rechts in der Realität.
Einen großen Teil zu der emotionalen Wucht des Films tragen selbstverständlich die Darsteller bei. Und hier muss man sagen, dass durch die Bank weg alle einen tollen Job machen. Hier möchte ich nicht mal jemanden hervorheben. 
Um den grandiosen Michael Fassbender als Lichtgestalt Steve Jobs herum kann jeder Teil des Casts glänzen und beeindrucken. Sei es Kate Winslet, von der man dies bereits gewohnt ist, aber auch Jeff Daniels oder Seth Rogen, die ihre Figuren mit sympathischer Ernsthaftigkeit zu füllen wissen und in ihren Rollen voll aufgehen. Dasselbe gilt für die weiteren Darsteller. Selbst den drei verschiedenen Schauspielerinnen der Lisa kauft man jeden Moment ab und das, obwohl zumindest Makenzie Moss und Ripley Sobo noch sehr jung sind. Weiterhin trägt zur Glaubwürdigkeit bei, dass alle Personen zwischen den jeweiligen Handlungssträngen relativ realistisch altern.
Die äußerliche Nähe zu den realen Vorbildern hingegen könnte zwar durchaus näher sein, allerdings es geht in diesem Film auch nicht um eine möglichst genaue historische Darstellung, sondern um die Möglichkeit eine extrem faszinierende Person in ihren persönlichsten, emotionalsten Momenten zu beobachten und eine Entwicklung unter den Charakteren zu sehen, die einen unmöglich kalt lassen können.

Links Steve Wozniak, rechts Seth Rogen als ebender.
Auch wenn die Personen nicht unbedingt wie ihre Vorbilder aussehen, ist die Ausstattung perfekt gewählt. Die jeweiligen Locations und Statisten erwecken das Gefühl des jeweiligen Jahres und man fühlt sich optimal in dieses hinein versetzt. Kleine Erklärungen zwischen den einzelnen Teilen des Films dienen dabei als historischer Umriss, jedoch bewegt sich dies auf minimalem Level. Der Zuschauer erfährt das wichtigste, jedoch lange nicht alles, was man weiß, wenn man sich mit der Geschichte von Apple auch nur ein wenig auskennt. Doch auch dies geschieht hier mit Absicht und schadet in keinster Weise. 
Wenn Jobs und Wozniak über bestimme Dinge in der Geschichte von Apple sprechen, dann muss der Zuschauer nicht wissen, was diese wissen. Man soll sich auf die Beziehung zwischen den Charakteren konzentrieren, wie sie mit einander umgehen - 'Steve Jobs' ist ein Film über die Person Steve Jobs, seine Persönlichkeit, seine Gefühle und kein Film über Apple oder über irgendwelche Produkte!
Insgesamt stimmt das meiste bei diesem Film. Ein klasse Regisseur schafft es hier ein tolles Drehbuch mit beeindruckenden Darstellern und schönen Bildern zu einem wirklich guten Film zu machen.
Lediglich zwei Punkte sind mit beim schauen des Films negativ aufgefallen, was nicht heißt, dass diese den Film großartig abwerten. Zum einen kamen mir die Geschehnisse teilweise sehr konstruiert vor. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass solche Gespräche mit einer solchen Vielzahl an Personen so kurz vor einer so wichtigen Präsentation wirklich stattgefunden haben. Doch wie gesagt, das schmälert den Sehgenuss nicht, ich musste das ganze nur mehrmals für mich hinterfragen. Vielleicht war es aber, zumindest teilweise, wirklich so - man weiß es nicht. 
Das gleiche kann man auch zur Darstellung der Figuren sagen, denn Steve Jobs wird, ebenso wie Chrisann, doch sehr negativ dargestellt, was diese recht stark zu den restlichen Charakteren abgrenzt. Das Jobs kein einfacher Mensch gewesen ist, ist wohl klar. Ob die Darstellung im Film jedoch passend ist - man weiß es nicht.
Der zweite Punkt ist dann ein wirklicher Kritikpunkt. Und zwar ist 'Steve Jobs' durchgängig interessant und faszinierend,  allerdings bringt die rein auf Dialoge beschränkte Inszenierung auch das ein oder andere Gespräch mit, dass nicht zu 100% mitreißt. Im Endeffekt sind sie zwar wichtig für den Film und machen ihn rund, aber das Tempo hochhalten können sie leider nicht immer - das wäre wohl auch unmöglich oder würde den Film unglaubwürdiger erscheinen lassen. Man weiß es nicht. 
Alles in allem unterhält der Film aber zu 90% der Zeit super, weshalb auch dieser Kritikpunkt meine endgültige Wertung nicht großartig schmälert. 

Links der echte Steve, rechts der Film-Steve 1998.
Alles in allem habe ich einen tollen Film gesehen. Danny Boyle und Aaron Sorkin schaffen es mit ihrer Erzählweise dem Zuschauer die Person Steve Jobs näher zu bringen als 'Jobs' von 2013 oder jede der Jobs-Dokumentationen. Man präsentiert eine Geschichte um einen mächtigen, ehrgeizigen Mann, der aber genauso wie jeder mit kleineren und größeren Problemen zu kämpfen hat und diese über die Jahre zu lösen oder nicht zu lösen weiß. Hier entwickelt sich ein Film, der absichtlich klein gehalten wird, um dann umso größer zu wirken. Eine große Rolle spielen dabei die Darsteller, die ihre Arbeit perfekt ausfüllen. Auch die Inszenierung um die Bilder oder die Musik des Films fügt sich optimal in das Gesamtbild ein. Kleine Schwächen wie kurze Durchhänger oder die ein oder andere konstruiert wirkende Situation schmälern die Faszination des Films im Endeffekt nur minimal.
Von mir gibt es starke 8 von 10 Punkten für 'Steve Jobs'.

(Fotos: © Universal Pictures)

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