Freitag, 29. Januar 2016

The Hateful Eight


Das war er also, Quentin Tarantinos zweiter Ausflug in den wilden Westen und sein achter Film überhaupt - passenderweise The Hateful Eight benannt. Und ganz Tarantino-typisch ist der Titel nur die erste einer ganzen Reihe von Selbstreferenzen.
Auch die Handlung selbst wirkt wie eine Rückbesinnung auf die frühen Neunziger und Reservoir Dogs. Dieses Mal pfercht Tarantino eine Gruppe von acht Männern - und einer Frau - in eine Berghütte im verschneiten Wyoming, wo sie während eines Schneesturms festsitzen. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen dabei zunächst der Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russel) und seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), für die er im Städtchen Red Rock 10.000 Dollar kassieren möchte. Doch das soll sich als deutlich komplizierter herausstellen als gedacht, denn nicht jeder des Achter-Gespanns ist der, der er vorgibt zu sein, wie auch Ruth ziemlich schnell feststellen muss. 
Neben Kurt Russel (Death Proof) besetzt Tarantino auch in Hateful Eight wieder einige seiner Stamm-Schauspieler - darunter Samuel L. Jackson (Pulp Fiction, Jackie Brown, Django Unchained), Tim Roth (Reservoir Dogs, Pulp Fiction) oder Michael Madsen (Reservoir Dogs, Kill Bill). Weiterhin besuchen Bruce Dern, Walton Goggings und Demián Bichir die eingeschneite Hütte. Dabei erweist Tarantino sich wieder einmal als Besetzungs-Genie, denn alle Darsteller passen perfekt in ihre Rollen und liefern tolle Arbeit ab - vor allem Jennifer Jason Leigh, Kurt Russel und Walton Goggins sind mir sehr positiv aufgefallen.
(... außerdem sehen wir die wohl beste Leistung von Christoph Waltz in einem Film ohne Christoph Waltz - hier dargestellt von Tim Roth. Oder ist es schlussendlich doch Waltz, der Tim Roth spielt, der den Henker Oswaldo spielt?)

Die Geschichte und der ganze Film beginnen zunächst recht schleppend. Nach und nach werden die zentralen Charaktere eingeführt und ihr Weg beschrieben, bis sie schließlich am Ort der Handlung versammelt sind. Dies dauert ungefähr eine Stunde, was nicht den idealen Einstieg in den Film darstellt - dem Zuschauer wird es nicht leicht gemacht, sich gleich im Film einzufinden und in der Welt zu versinken, die Dialoge zünden noch nicht so, wie man es von Tarantino gewohnt ist und alles wirkt recht zäh. Dafür dreht The Hateful Eight danach dann kräftig auf; die Exposition ist beendet und die wilde Fahrt kann losgehen.
Im folgenden entwickelt sich dann ein rhetorisch hochwertiges und blutgetränktes Kammerspiel, das - wie im Vorfeld schon gemutmaßt - teilweise wie eine Mischung aus Reservoir Dogs und Django Unchained daher kommt. Tarantino bedient sich dabei erneut aus seinem breiten Repertoire erzählerischer Mittel, unterteilt den Film in sechs Kapitel, spickt das ganze mit Rückblenden und setzt hier und da Voice-Over ein.

Die Charaktere sind Tarantino-typisch - jeder einzelne ist durchdacht und interessant, roh und verschroben, eigen und im krassen Gegensatz zu jedem der anderen. In diesem Fall wird dem Zuschauer allerdings kein moralischer Anker geboten, alle Figuren sind schlecht, seien sie Mörder, Banditen oder Rassisten. Das erweckt eine große Faszination (Ein Käfig voller Antihelden, oh ja!), allerdings fehlt so zum Teil auch eine klare Bezugsperson, die man durch den Film begleitet. 
Insgesamt schafft The Hateful Eight es nicht, eine wirkliche Spannung oder Anspannung zu erzeugen. Alles ist cool, alles ist stylisch, alles macht Spaß. Aber Tarantino kann die Mittel des Kammerspiels leider nicht zur Genüge nutzen, kann nicht die Suspense erzeugen, die den Film über seine enorme Laufzeit getragen hätte. Leider kommt dies gerade im Vergleich zu Reservoir Dogs zur Geltung, wo alles irgendwie runder und ausgefeilter wirkt. Allerdings war der auch nur halb so lang - alles hier ist Meckern und Jammern auf ganz, ganz hohem Niveau. 
Dieses Niveau hat Tarantino allerdings selbst so hoch angelegt, er muss sich nun mal an seinen eigenen Werken messen lassen - und da reiht sich The Hateful Eight leider erneut nur in Sphären eines Django Unchained ein. Das ist sehr weit von einem schlechten Film entfernt, aber leider auch sehr weit von einem Pulp Fiction. Tarantino verliert sich mittlerweile zu sehr in seinem eigenen Style, in Zitaten, in Gewalt (nicht falsch verstehen, ich steh auf überzeichnete Gewalt - aber diese muss auch was zur Geschichte beitragen und darf nicht "Gewalt, der Gewalt wegen" sein) und coolen Sprüchen. Das schlägt sich auch in der überspitzten Darstellung von Geschehen und Charakteren wieder, wie man sie bereits aus Django oder Inglourious Basterds kennt, was mit Sicherheit Geschmackssache ist, meinen Geschmack aber leider nicht so gut trifft, wie die, mehr auf dem Boden gebliebeneren, Filme der Neunziger.

Keine Geschmackssache hingegen ist die Optik des Films. Schon lange vor Veröffentlichung des Films wurde bekannt, dass Tarantino auf ultra-weiten 70mm drehen würde und sich dafür sogar die Kameralinsen aus Filmen wie Ben Hur oder Meuterei auf der Bounty besorgt hatte, die seit den 60er Jahren nicht mehr zum Einsatz kamen. Auch in der Postproduktion wurde auf sämtliche digitale Bearbeitung verzichtet und als Kameramann fungierte erneut Robert Richardson, mit dem Tarantino seit Kill Bill zusammen arbeitet - perfekte Voraussetzungen also. Die große Frage, die sich viele stellten war die nach der Notwendigkeit, einen Film, der zu mehr als 2/3 in einer Hütte spielt, in Ultra-Breitbild zu drehen. Und in der Nachbetrachtung muss ich sagen: es lohnt sich - und wie. Die Außenaufnahmen sind wunderschön, die verschneite Landschaft wird toll eingefangen und sieht einfach klasse aus. Der Look ist dabei nicht so künstlerisch-realistisch wie in The Revenant, sondern hat seinen eigenen Anstrich, der seinem Blockbuster-Kollegen in nichts nachsteht. 
Ihre wahre Wirkung entfaltet die 70mm-Technik jedoch - man glaubt es kaum - innerhalb des geschlossenen Raumes. Man hat so immer einen Vorder- und einen Hintergrund, während sich vorne zwei unterhalten, läuft im Hintergrund das Leben in der Hütte weiter. Dabei ist eine große Liebe zum Detail erkennbar, immer passiert irgendwo etwas und die Hütte wirkt geräumig und lebendig. Eine großartige Idee, die zu 100% aufgeht und dem Film eine Extraportion Leben einhaucht.
Ein weiterer Punkt, der - erwartungsgemäß - voll aufgeht, ist die Musik von Ennio Morricone. Diese wird wenig und pointiert eingesetzt, vermischt sich teilweise mit den Geräuschen der Umgebung oder untermalt wichtige Szenen - neben der Optik weiß dementsprechend auch der Sound vollkommen zu überzeugen.

Der größte Vorzug von The Hateful Eight ist zugleich auch sein größtes Problem: es ist ein Tarantino-Film. Das merkt man in jeder Sekunde des Films und ich, als großer Tarantino-Jünger, habe jede einzelne davon mit Genuss in mich aufgesaugt. Doch Tarantino setzt seine Maßstäbe selbst hoch an und hat einige der besten Filme der letzten 25 Jahre zu verantworten - und deshalb fällt sein neuester Film, wie auch schon Django Unchained, im Vergleich ein wenig ab. 
Damit wir uns nicht falsch verstehen, The Hateful Eight ist ein durch und durch guter Film - die technischen Voraussetzungen sind perfekt, die Darsteller passen wie die Faust aufs Auge, die Charaktere sind interessant, verschroben, brutal und typisch Tarantino, die Dialoge sind bissig und cool - wenn auch lange nicht mehr so einzigartig und erfrischend wie in den früheren Werken Tarantinos - aber dennoch kann der Film nicht zur Gänze überzeugen und mitreißen. Vielleicht hätte es geholfen, die Laufzeit ein wenig zu kürzen, vielleicht fehlen dem Script einfach die Höhepunkte und die Spannung, vielleicht löst Tarantino die Geschichte zu früh und vorhersehbar auf - egal, was es ist, The Hateful Eight wirkt nicht ganz rund und erreicht nicht die erzählerischen Höhepunkte, die die Filme von Tarantino eigentlich ausmachen.
Doch das alles ist Meckern auf ganz, ganz hohem Niveau. Wir haben es hier mit einem sehr guten Film zu tun, der leider an den eigenen Ansprüchen krankt. Daher gebe ich 7,5 von 10 Punkten, wobei da definitiv auch die Erwartungshaltung an einen Regisseur wie Tarantino hineinspielt.


PS: Ich beziehe mich in meinem Review auf die deutsche Synchronfassung, die meiner Meinung nach leider nicht optimal gelungen ist, mit Sicherheit ging hier viel verloren. In den nächsten Tagen werde ich mir das Ganze nochmal im englischen Originalton ansehen und gegebenenfalls noch etwas an meiner Wertung ändern.

PPS: Ich habe den Film nun auch in der englischen Originalfassung gesehen und ja, diese macht den Film tatsächlich ein wenig besser, denn die deutsche Synchro verändert die Stimmung ein wenig, lässt den Film irgendwie fröhlicher, leichter klingen. Aus diesem Grund: schaut euch die Originalfassung an, es lohnt sich. An meiner Wertung des Films ändert jedoch auch meine zweite Sichtung nichts mehr.



1 Kommentar:

  1. Anfang des Jahres ist eine Biografie über den Meister erschienen:
    https://kinogucker.wordpress.com/2016/01/04/quentin-tarantino-unchained-die-blutige-wahrheit/

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