Montag, 11. Januar 2016

The Revenant - Der Rückkehrer


Was habe ich mich das ganze letzte Jahr auf 'The Revenant' gefreut. Iñárritu verfilmt eine unglaubliche, auf wahren Begebenheiten beruhende, Geschichte um Überlebenswillen und Rache mit Leonardo DiCaprio und Tom Hardy in den Hauptrollen - das konnte eigentlich nur gut werden. Und wie gut es geworden ist, zeigen dann auch die Auszeichnungen in drei der wichtigsten Kategorien bei den Golden Globes, die am 10. Januar verliehen wurden - Bester Film/Drama, Bester Hauptdarsteller/Drama und Beste Regie. Allesamt hochverdient!

Die Handlung des Films dreht sich um den Trapper Hugh Glass, gespielt von Leonardo DiCaprio, der im frühen 19. Jahrhundert, gemeinsam mit seinem Halb-Indianischen Sohn, an einer Expedition durch die unentdeckten Weiten der USA teilnimmt.
Während er allein die Gegend auskundschaftet, wird er von einem Grizzlybär attackiert und extrem schwer verletzt. Dem Tode nahe wird er jedoch von seinen Kameraden gefunden und zunächst unter großen Anstrengungen mitgeschleppt - bis die, selbst schwer angeschlagene, Truppe sich dazu entschließt, ihn zurück zu lassen. Doch das soll erst der Anfang der unglaublichen Geschichte um Hugh Glass gewesen sein. Denn er denkt gar nicht ans Sterben - und schwört Rache!

Die Kritiken zu 'The Revenant' waren bei weitem nicht so überzeugend, wie man annehmen konnte. Kritikpunkt war vor allem das (angeblich) dünne Drehbuch des Films. Doch erzählt mir, was ihr wollt - Iñárritu hat mal wieder eine wahre Perle abgeliefert. Die Geschichte dreht sich nun mal zu 70% um den Überlebenskampf von DiCaprios Figur. Dass es da keinen großen, ausführlichen Plot gibt, sondern der Überlebenskampf eines Einzelnen in der rauen Wildnis dargestellt wird, dürfte eigentlich im Vorfeld klar gewesen sein. Und obwohl Hugh Glass den Großteil des Films allein durch die Wildnis kriecht, humpelt, reitet, kommen keine Längen und keine Langeweile auf - ich persönlich habe nur sehr wenig am Skript auszusetzen, dazu später mehr.
'The Revenant' hat so viele Punkte, die einen sofort fesseln, faszinieren, die den Film über 157 Minuten tragen und ihn, aus meinen Augen, auch noch eine halbe Stunde mehr getragen hätten. Zunächst ist da das starke Spiel von DiCaprio, der Schmerz, Leid und Trauer auf eine rohe, verstörende und überzeugende Art darzustellen weiß. Ich war nie einer von denen, die sagten: "Gebt Leo endlich einen Oscar!", aber dieses Mal muss ich tatsächlich sagen: "Ja, gebt dem Mann einen Oscar." - das war die beste darstellerische Leistung, die ich im letzten Jahr gesehen habe. Und nicht nur DiCaprio darf glänzen, auch Tom Hardy als John Fitzgerald, Domnhall Gleeson als Expeditionsleiter Andrew Henry und Will Poulter als Jim Bridger wissen durchgehend zu überzeugen. Einzig Glass' indianischen Sohn Hawk (Forrest Goodluck) fand ich nicht durchgehend überzeugend - was aber auch gut und gerne an der deutschen Synchronisation liegen kann.


Artikel aus 1922 über die Geschichte des wahren Hugh Glass, 100 Jahre nach den Geschehnissen.
Seine wahre Größe und Wucht entfaltet 'The Revenant' allerdings in seinen Bildern. Nach dem extrem dynamischen 'Birdman' mit seinem One Shot-Look liefert Iñárritu dieses Mal einen Film ab, der nur bei natürlichem Licht und unter den widrigsten Umständen im Schnee Kanadas und Argentiniens gedreht wurde und zum Bildgewaltigsten gehört, was jemals im Kino zu sehen war. Wieder einmal kann ich Kameramann Emmanuel Lubezki nur in den Himmel loben - allein der Look ist schon unglaublich.
Dazu gesellt sich ein Sound, der seines gleichen sucht. Über weite Strecken des Films ist ein sehr zurückhaltender Soundtrack zu hören, teilweise gar keiner. Dafür sind die natürlichen Geräusche der Wildnis so perfekt eingefangen und abgemischt, dass hier - zusammen mit den perfekten Naturaufnahmen - eine extrem tolle, sehr realistische Stimmung entsteht und man sich von Beginn an an die Schauplätze des Films versetzt fühlt und die Kälte und Gefahren quasi am eigenen Leib spüren kann. Doch auch der Soundtrack bekommt Szenen, in denen er seine volle Wucht entfalten kann und den Film wunderbar anzutreiben weiß.

Wie oben bereits erwähnt, habe ich an 'The Revenant' nahezu nichts zu kritisieren. Viele sagen, der Film wäre zu lang, würde sich ziehen - und klar, er ist lang, es gibt wenige Protagonisten, DiCaprio ist sogar die meiste Zeit allein und dementsprechend findet auch wenig Dialog statt. Doch für mich funktioniert das alles wunderbar. Der Cast kann den Film zu 100% tragen, die Bilder und der Sound sind perfekt und außerdem gibt es noch zwei kleinere Nebenschauplätze, die immer ein wenig Abwechslung mit sich bringen.
Wenn ich 'The Revenant' nun also etwas anlasten wollte, dann wäre es die nicht ganz perfekte Dramaturgie und Emotionalität. Hier wurde es nicht geschafft den Figuren von DiCaprio und Hardy so viel Motivation zu geben oder die Charaktere so interessant und vielschichtig zu schreiben, dass man durchgängig mit ihnen mitfiebert. Mir ist gegen Ende aufgefallen, dass mich die Bilder des Films mehr faszinierten als die Charaktere - was auch überhaupt nicht schlimm ist, hier wurde allerdings die Chance vergeben, einen noch packenderen und damit besseren Film zu machen. 
Ein zweiter Punkt, den ich noch ansprechen möchte, sind die wenigen CGI-Einsätze, die viel zu deutlich zu erkennen sind und leider nicht allzu gut in den durchgängigen Realismus der Bilder passen. Aber dies sind wirklich wenige Momente und daher ist es leicht, darüber hinweg zu sehen.
Ansonsten kann und möchte ich gar keine Kritikpunkte anführen, denn ich mag diesen Film wirklich gerne - egal, was man mir erzählen will. Ich war über 2 1/2 Stunden so gebannt von dieser Welt, von der Schönheit, von der Gefahr und vom Realismus der Bilder, dass 'The Revenant' bei mir einfach einen dicken Stein im Brett hat.

Alles in allem bin ich sehr begeistert. Ich habe einen tollen Film gesehen, der vollkommen zu Recht drei Golden Globes abgeräumt hat - und wohl auch zu einem der Top-Kandidaten auf einige Oscars gehört.
Ein toller Cast, eine spannende Geschichte, wunderschöne Bilder, extrem guter Sound und natürlich ein immenser Aufwand während der Dreharbeiten - Iñárritu und 'The Revenant' bekommen von mir 9 von 10 Punkten. Er hätte sogar noch besser sein können, aber welcher Film macht schon alles richtig? Ich für meinen Teil kann die negativen Reviews nicht nachvollziehen und werde mich in den nächsten Tagen noch mindestens einmal in die wilden, kalten, unbarmherzigen Weiten Amerikas entführen lassen.

1 Kommentar:

  1. Ich gehöre ja zu denen, die schon jahrelang schreien, dass Leo einen Oscar bekommen muss, auch für Filme, für die er nicht nominiert war. Aber das Problem war ja immer, dass es zu viel Konkurrenz in der Best Actor-Kategorie gab. In diesem Jahr wird er ihn aber holen, weil Fassbender und Redmayne nicht so gut waren. (Sie waren nicht schlecht, aber nicht SO gut.)

    Iñárritus neuster Film hat vielleicht deshalb weniger gute Kritiken, weil das Drehbuch im Vergleich zu BIRDMAN tatsächlich weniger Handlung enthält. Ich fand das aber gar nicht schlimm. Es ist ein guter alter Western. Mit dem Guten und dem Bösen und der Natur. Und auf den Bösen möchte ich nochmal zu sprechen kommen. Tom Hardy wird nämlich in der ganzen REVENANT-und-Leo-Berichterstattung vergessen. Jeder Held ist nur so gut wie sein Gegenspieler und Hardy ist ein würdiger Gegner. (Eine ausführliche Filmkritik gibt's auf meinem Blog.)

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