Donnerstag, 4. Februar 2016

Anomalisa

(© Paramount Pictures)
Anomalisa, die zweite Regiearbeit von Charlie Kaufman, dem Drehbuchautor von Being John Malkovich, Adaption und Vergiss mein nicht! ist für den Oscar für den besten Animationsfilm nominiert - dabei ist er alles andere als ein Kinderfilm, hat in den USA sogar ein R-Rating. 
Auch was die Machart angeht, ist Anomalisa definitiv ein Unikum. Er nutzt Puppen, die per Stop-Motion zum Leben erweckt werden - das besondere ist dabei die extrem realistische Machart von Puppen und Sets. Das sieht wahnsinnig gut aus und hebt den Film auf jeden Fall weit aus der Masse heraus. Ein großes Lob an die Technik, allein dafür wäre der Oscar verdient.

Die Geschichte des Films basiert auf einem Theaterstück von Regisseur Kaufman aus dem Jahr 2005. In dieser Kinoadaption reist  der Autor eines Selbsthilfebuches, Michael Stone, nach Cincinnati, wo er einen Vortrag halten soll. 
Im Hotelzimmer angekommen, einen Drink aus der Minibar und ein deprimierendes Gespräch mit Ehefrau und Kind später, ruft er eine Verflossene an und verabredet sich mit ihr zu einem Treffen, das jedoch ebenfalls sehr deprimierend endet. Auf dem Rückweg kauft er in einem Sexshop eine chinesische Puppe, die ihn anscheinend sehr fasziniert und steigt schließlich im Hotel unter die Dusche, wo er eine weibliche Stimme vernimmt, die ihn sofort in seinen Bann zieht - Lisa.

Neben der Stop-Motion-Technik hat Anomalisa noch eine weitere Besonderheit in petto: die Figuren werden von nur drei Synchronsprechern gesprochen. Dabei wird die Distanz, die Michael Stone zu seiner gesamten Umwelt hat, durch diesen stimmlichen Einheitsbrei dargestellt. Lediglich Michael und Lisa haben individuelle Stimmen (David Thewlis und Jennifer Jason Leigh), die anonyme Masse besitzt nur eine Einzige (Tom Noonan). Dieser Kniff braucht einige Minuten, bis man sich daran gewöhnt hat und hinter den Sinn gestiegen ist, doch spätestens mit dem Auftritt von Lisa, macht es vollkommen Sinn und dient der Botschaft des Films.

Die Handlung verläuft zu großen Teilen in gewohnten Bahnen und erinnert an viele Dramen um erfolgreiche Männer in ihrer Midlife Crisis. Allerdings wäre Kaufman nicht Kaufman, wenn sein Film keinen doppelten Boden hätte. Die Geschichte um die Begegnung von Michael und Lisa beinhaltet eine Botschaft bzw. eine zweite Ebene, die zum Ende alles sehr interessant macht. Dies wird einem nicht auf die Nase gebunden, man wird nachdenklich nach Hause geschickt und zerbricht sich mit Sicherheit noch einige Zeit den Kopf über Anomalisa.
Allerdings muss man sagen, dass der Film erst in der letzten Viertelstunde wirklich etwas Neues zu bieten hat. Abgesehen von der Technik und dem Stimmen-Kniff, sehen wir über große Teile des Films eine recht gewöhnliche und unspannende Story. So ist nach der anfänglichen Faszination und vor der letzten Viertelstunde ein Loch, das nicht durchgehend zu unterhalten weiß. Zwar hat man all das noch nicht in einem Puppen-Film gesehen, inklusive einer sehr intimen Sexszene, doch aufregender macht es das auch nicht. 
Jedoch bleibt dabei zu erwähnen, dass diese Intimität und ein großes Feingefühl in der Charakterzeichnung fast das Beste am ganzen Film sind. Die Figuren werden mit viel Fingerspitzengefühl dargestellt und haben sehr realistische und glaubhafte Attribute und Charakterzüge. Dabei wird die Beziehung von Michael und Lisa, bzw. Michaels Beziehung zu seiner Umwelt, ohne jegliche Filmklischees dargestellt und ist wirklich rührend - hier funktioniert Anomalisa besser als die meisten Realfilme.

Die große Frage, die mir nach dem Kinobesuch bleibt, ist: kann ich über den sehr schleppenden Mittelteil hinweg sehen und wird Anomalisa mir positiv im Gedächtnis bleiben?In diesem Fall würde ich sagen, dass der Film durch seine Machart, versteckte Ebene und seinen Schluss deutlich an Qualität gewinnt -  so ganz macht aber auch das die Zeit vorher nicht vergessen. 
Der Film reiht sich in die Reihe der Filme, zu denen Kaufman das Drehbuch beigetragen hat - Being John Malkovich, Adaption oder Vergiss mein nicht! - passend ein, Ähnlichkeiten sind deutlich zu erkennen. Doch im Vergleich war jeder dieser Filme über die gesamte Laufzeit hinweg deutlich unterhaltsamer. So bleibt im Endeffekt eine leichte Enttäuschung - trotzdem bleibt Anomalisa ein guter Film. Meinen Geschmack hat er jedoch leider nicht ganz getroffen, dafür bewegt er sich für mich über zu große Teile auf ausgetretenen Pfaden. 
Auf der Haben-Seite bleibt jedoch auf jeden Fall die tolle Grundidee, die Technik, die Einfühlsamkeit und der tiefere Sinn. Ein Film, von dem man sich eine eigene Meinung bilden sollte und dem ich den Oscar für den besten Animationsfilm auf jeden Fall gönnen würde, auch wenn ich ihn mir sobald kein zweites Mal ansehen werde.
7,5 von 10 Punkten für Anomalisa.


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