Donnerstag, 23. Juni 2016

Daumen runter: Social Media-Grusel

Das Thema Social Media wird immer wichtiger und populärer. Facebook, Twitter und Co. zählen zu den größten Meinungsmachern unserer Zeit, Viele Zeitgenossen haben einen Teil ihres Lebens bereits in die virtuellen Welten verlagert. Und auch der Horrorfilm ist mittlerweile auf diesen Zug aufgesprungen – der erste große Vertreter war im Sommer 2015 Unknown User, bevor in diesem Jahr Unfriend vom deutschen Regisseur Simon Verhoeven in die Kinos kam und nun auch den Heimvideo-Markt erreicht.
Beide Filme nutzen Social Media als Aufhänger – beackern dabei jedoch verschiedene Terrains. Während Unknown User (U.S.A. 2015, O.T.: Unfriended, Regie: Levan Gabriadze, FSK 16, 83 Minuten) sich im weitesten Sinne in das Found Footage-Genre einordnet, wandelt Unfriend (Deutschland 2016, O.T.: Friend Request, Regie: Simon Verhoeven, FSK 16, 93 Minuten) auf den ausgetretenen Pfaden des Teenie-Slashers. 

Unknown User
(© Universal Pictures)
Die Idee hinter 'Unknown User ist wirklich nicht schlecht. Nahezu die gesamte Handlung spielt sich auf dem Desktop der Hauptfigur Blaire Lilly (Shelley Hennig) ab, wo sie via Skype Videochats mit ihren Freunden führt. 
Die Story ist dabei profan und wenig überraschend: ein Jahr, nachdem sich die Schülerin einer Highschool wegen Mobbings das Leben genommen hatte, versammeln sich fünf Freunde in einem Videochat. Irgendwann gesellt sich ein "Unknown User" zu den Freunden, der sich partout nicht wieder entfernen lässt. Gleichzeitig treffen auch via Facebook merkwürdige Nachrichten vom Account des toten Mädchens ein und unangenehme Fotos erscheinen auf der Profilseite der Hauptfigur – ein munteres gegenseitiges Beschuldigen geht los, bevor dann schließlich ein Teilnehmer der Chatgruppe nach dem anderen das zeitliche segnet...

Insgesamt ist der Film ziemlich enttäuschend. Die gute Idee der Abwandlung des Found Footage-Stiles ist zunächst cool, nutzt sich aber leider sehr schnell ab und langweilt schließlich nur noch. Dazu nervt es alsbald, dass die meiste Zeit des Films nur ein kleiner Teil des Bildes durch den Videochat genutzt wird. 
Neben der Machart hat der Film leider überhaupt nichts Neues zu bieten. Die Story ist altbekannt und zu keinem Zeitpunkt überraschend, die Charaktere typisch nervige Highschool-Kids und weder Grusel-, noch Gewaltmomente funktionieren. Ganz im Gegenteil sogar, irgendwann gleitet Unknown User in Bereiche der unfreiwilligen Komik ab, die einem (Möchtegern-)Horrorfilm alles andere als gut tun.
Für die gewagte und frische Idee gibt es von mir dennoch ein paar Gnadenpunkte, der Rest ist leider altbekannt, nervig und ungewollt komisch. So gibt es insgesamt nur 3 von 10 Punkten.
... ein Sequel wurde übrigens bereits angekündigt und dessen Produktion begonnen. Außerdem diente der Erfolg des Films (Budget: 1 Million Dollar, Box Office: 64 Millionen Dollar) als Anstosspunkt für die Produktion des zweiten Social Media-Horrorfilms:

(© Warner Bros. Pictues)
Unfriend
Der Film des 'Männerherzen'-Regisseurs Verhoeven ist neben der Social Media-Thematik vor allem deshalb interessant, weil es sich um eine deutsche Produktion handelt. Da er für den Weltmarkt gedreht wurde, merkt man davon jedoch kaum etwas. Die Rollen sind mit englischsprachigen Darstellern besetzt, gedreht wurde in Südafrika und die Handlung spielt in den Vereinigten Staaten. Was dabei sehr positiv auffällt, ist der internationale Look, den Verhoeven seinem Film verleiht. Keine Spur von deutschem TV-Look, zumindest äußerlich bietet Unfriend gutes internationales Niveau. 
In Sachen Handlung passt sich der Film jedoch leider auch den meisten US-Teeniehorror-Produktionen an – und weist eine frappierende Ähnlichkeit zu Unknown User auf.

Auch hier gibt es eine Clique von High-School-Freunden auf der einen und ein freundeloses Mädchen auf der anderen Seite. Die Hauptfigur und Kernpunkt der Clique, Laura (Alycia Debnam-Carey), erhält eines Tages bei Facebook eine Freundschaftsanfrage der Außenseiterin Marina (Liesl Ahlers). Sobald diese virtuelle "Freundschaft" besteht, wird die Einzelgängerin (die das Teeniefilm-Klischee einer solchen durch und durch erfüllt: bleich, lange schwarze, fettige Haare, Schlabberlook) plötzlich ziemlich anhänglich.
Das Beenden der "Freundschaft" durch Laura führt dann schließlich zum Selbstmord Marinas vor laufender Kamera – was selbstverständlich einen Fluch auslöst, der einen von Lauras Freunden nach dem anderen auf grausame Weise dahinrafft... 


Wie bereits erwähnt, gibt es am Look des Films nichts auszusetzen – eher im Gegenteil, es gibt einige Sequenzen, die wirklich gefallen, in denen Verhoeven und sein Kameramann Jo Heim visuell wirklich überzeugende Bilder abliefern, die zu faszinieren wissen. Auch die Todesszenen sind – im Gegensatz zu denen in Unknown User  kreativ und gut anzuschauen. Leider setzt Unfriend, wie es im Genre des Teenie-Horrors Gang und Gäbe ist, auch oft auf platte Jump-Scares und konzentriert sich zu sehr darauf, typisch amerikanisch zu sein, sodass die Kreativität in den Bildern leider in der sonst sehr faden Inszenierung untergeht.
So bleibt auch der zweite Social Media-Film hinter den Erwartungen zurück. Zwar ist er deutlich hochwertiger produziert als Unknown User und verliert sich nicht in unfreiwilliger Komik, doch ist die Geschichte durch unzählige Filme bekannt und wird hier auch nicht in eine Richtung gelenkt, die daraus ein lohnenswertes Seherlebnis gemacht hätte, so wie es z.B. It follows 2014 so wunderbar schaffte. 
Alles in allem ist Unfriend für 12- bis 16-Jährige Teenager sicher ein großer Spaß, doch für Leute, die schon ein paar Horror- und Gruselfilme in ihrem Leben gesehen haben leider eher Zeitverschwendung. Da nützt auch die frische Social Media-Thematik nichts, die auch nur als Aufhänger für die ausgewaschene Geschichte dient. So gibt es leider auch hier nur 4 von 10 Punkten.

Social Media-Horrofilme

Von mir gibt es also ein klares "Daumen runter" für die beiden Social Media-Horrorfilme des vergangenen Jahres. Hat sich das Genre also schon totgelaufen, bevor es überhaupt in Fahrt gekommen ist? Ich würde sagen: Nein, geben wir ihm noch eine Chance. 

Der zweite Teil von Unknown User wird in naher Zukunft kommen und aufgrund des Erfolges des ersten Teils ein größeres Budget erhalten – ob die Macher dies in bessere, frischere Ideen ummünzen könne, steht in den Sternen. Doch das Potential ist definitiv vorhanden. 
Social Media und die weltweite Vernetzung werden unser tägliches Leben immer mehr durchziehen und bietet daher den perfekten Nährboden für Horrorfilme. Erstens durch die Ummünzung des Harmlosen, des Uns Bekannten in etwas Grauenhaftes, Erschütterndes und Zweitens durch die Einarbeitung der digitalen Medien in das Medium Film, wie es in Unknown User versucht wurde. 
Dieser Ansatz sollte weiterverfolgt werden und ich kann mir vorstellen, dass diese Art des Found-Footage in Zukunft große Wellen schlagen könnte – doch braucht es, wie der Horrorfilm im Allgemeinen, frische und mutige Ideen. Wir brauchen kein Social Media-Äquivalent zu Paranormal Activity, sondern neue Geschichten mit guten Ideen. Und dafür liefern die virtuelle Vernetzung eine Menge Material. Nun liegt es an den Filmemachern, daraus etwas zu machen, das nicht nur die Zielgruppe der 14-Jährigen begeistert.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen