Sonntag, 3. Juli 2016

Nach Once, Can a Song Save Your Life? und Sing Street – Ein hochverdientes Loblied auf John Carney

Zugegeben: die drei Musikfilme von John Carney sind nichts Revolutionäres. Es sind kleine Geschichten mit sympathischen Charakteren und großartiger Musik. Sie sind dabei mal leise, mal laut. Mal melancholisch, mal himmelhoch jauchzend  und immer etwas ganz besonderes.

(© Fox Searchlight Pictures)
Carney, zwischen 1991 und 1993 selbst Bassist der irischen Band The Frames, beweist dabei immer und immer wieder sein wunderbares Gespür für die Verbindung von Musik und Film. In Once (2007) präsentiert seinen Zuschauern die Geschichte eines irischen Straßenmusikers, der auf eine junge Blumenverkäuferin trifft. Auch sie musiziert und so entsteht aus diesem Fundament eine enge, freundschaftliche und kreativ fruchtbare Beziehung. Die rührende Geschichte ist immer dicht bei den Charakteren, ihren Gefühlen und Emotionen. Besonders durch die genialen Songs treten diese immer wieder zu Tage – hauptsächlich geschrieben von  den beiden Hauptdarstellern Glen Hansard, Frontmann von The Frames und langjähriger Freund John Carneys und Markéta Irglová, ebenfalls professionelle Musikerin. 
Die Kombination aus sympathischen Figuren und deren toller Musik sorgte seinerzeit wohl auch für den – im Vergleich zu den sehr geringen Produktionskosten von 112.000 Euro – großen kommerziellen Erfolg (weltweit knapp 20 Millionen Euro Umsatz an den Kinokassen). Der endgültige Ritterschlag für Carney, Hansard und Irglová folgte dann bei der Verleihung der Academy Awards 2007, als sich das wunderbare Duett Falling Slowly der beiden Hauptdarsteller gegen seine Konkurrenz (größtenteils aus dem Hause Disney) durchsetzte und die begehrte Trophäe abräumen konnte. 

Steven Spielberg: "A little movie called Once gave me enough inspiration to last the rest of the year."

(© The Weinstein Company)
Bei der Oscarverleihung 2014 konnte sich John Carney dann ein weiteres Mal Hoffnungen auf einen Award machen, der Song Lost Stars, geschrieben von den beiden Musikern Gregg Alexander und Danielle Brisebois, musste sich jedoch Glory aus dem Martin-Luther-King-Biopic Selma geschlagen geben. Trotzdem kann man auch Can a Song Save Your Life? (2013) nur mit Bewunderung entgegen treten.
Carney schrieb das Script zum Film im Jahr 2010 und schloss sich daraufhin mit Gregg Alexander zusammen, der die Musik komponierte. Im Grunde ist die Geschichte des Films eine Weiterentwicklung von Once: Auch hier treffen sich zwei Personen, die beide mit ihren eigenen Dämonen kämpfen – wunderbar verkörpert von den grandios aufspielenden Keira Knightley und Mark Ruffalo. Und auch hier entwickelt sich aus der Bekanntschaft der beiden eine freundschaftliche Beziehung, die sich auch in wunderbarer Musik niederschlägt. Knightley und ihre Kollegen perfomen die Songs mitreißend-stark. Neben der Musik sind auch hier wieder die Charaktere, seien es Haupt- oder Nebenfiguren, die größten Stärken des Films. Im Gegensatz zu Once werden diese aber differenzierter und vielschichtiger, was Can a Song Save Your Life? noch einmal eine weitere Ebene verleiht. Dafür tritt die Musik, die im Film aus 2006 noch die eigentliche Hauptrolle spielte, ein wenig mehr in den Hintergrund. Dadurch steht der Film aber keinesfalls schlechter als sein Vorgänger dar – er ist einfach genauso anders wie er gleich ist. Während in Once die Geschichte der Aufhänger für die Musik ist, ist in Can a Song Save Your Life? die Musik eher der Aufhänger für eine schöne und berührende Geschichte. Und beide Filme funktionieren auf ihre Art wunderbar, in Unterschieden und Gemeinsamkeiten. 

(© The Weinstein Company)
In einer Szene sagt Dan, die von Mark Ruffalo dargestellte Figur: "That’s what I love about music. All these banalities suddenly turn into beautiful pearls." – ein Zitat, das auch exemplarisch für die Filme von John Carney stehen könnte. Denn meist sind es die Banalitäten des Lebens, die kleinen Irrungen und Wirrungen, die das wunderbare an Carneys Filmen ausmachen und die durch die jeweilige Musikuntermalung zu großen Emotionsträgern werden.

Dieser Trend setzt sich schließlich auch in Sing Street (2016), dem aktuellsten Film des Regisseurs fort. Auch hier ist die Geschichte recht klein und unspektakulär, aber gefüllt mit höchst liebenswerten Charakteren, großen Gefühlen und ausgezeichneter Musik. Die Handlung ist im Dublin des Jahres 1985 angesiedelt und beleuchtet das Leben des 14-jährigen Conor (hervorragend verkörpert von Ferdia Walsh-Peelo), der aufgrund eines finanziellen Engpasses seiner Familie die Privatschule verlassen und ab sofort eine staatliche Einrichtung besuchen muss. Dort muss er um Anerkennung kämpfen – zunächst bei seinen männlichen Schulkameraden und dann auch noch bei der attraktiven Raphina (ebenfalls toll verkörpert durch Lucy Boynton). Dies gelingt ihm, indem er rasch eine Band auf die Beine stellt, deren Sänger er wird. Immer unterstützt von seinem großen, musikverliebten Bruder – die wohl sympathischste Figur des ganzen Films – und mit der Inspiration von Top of the Pops im Ohr, schafft so die Musik wieder einmal das, was unmöglich schien und vereint die verschiedensten Charaktere auf wundervolle Weise.
Wie bereits in Once und Can a Song Save Your Life? steht auch hier wieder die Musik im Mittelpunkt. Nachdem in ersteren beiden Singer/Songwriter-Klänge dominierten, orientiert sich der Soundtrack von Sing Street an den Pop-Größen der 80er Jahre  A-ha, The Cure, Duran Duran, Spandau Ballett. Lieder dieser Ikonen finden sich auch im Film, doch den Höhepunkt machen wieder einmal die Eigenkompositionen aus. Die titelgebende, von Conor gegründete Band Sing Street gibt sieben tolle Songs zum Besten, die sich perfekt in den Film einfügen, schnell ins Ohr gehen und vor allem direkt dem Jahr 1985 entsprungen zu sein könntenscheinen. Mal schnell, mal langsam, mal freudig erregt, mal melancholisch aber immer typisch 80s-Pop. Großartig, was John Carney hier zusammen mit Musiker Gary Clark und Mitgliedern der irischen Band Relish aufs Papier und in Musikform gebracht hat. Und auch das wieder in einem verdammt starken Film.

An einer Stelle sagt Raphina zu Conor, bzw. Cosmo, so sein "Künstlername": "Problem is, you're not happy being sad. That's what love is, Cosmo. Happy sad." – und genau das ist Sing Street und eigentlich alle drei Filme Carneys. Happy sad. Melancholisch und auf eine gewisse Weise traurig und tragisch, aber dabei immer optimistisch und durch und durch lebensbejahend. Sie hinterlassen den Zuschauer mit einem guten Gefühl im Bauch und mindestens einem fantastischen Ohrwurm im Ohr. Und genau deswegen sind diese Streifen für mich Meisterwerke und immer und immer wieder guckbar – und die Soundtracks Dauergäste in meiner Playlist. 


Das wunderbare Musikvideo zu The Riddle of the Model aus Sing Street.

Oscar-Nominiert: Lost Stars aus Can a Song Save Your Life?

Oscar-Prämiert: Falling Slowly aus Once.

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