Mittwoch, 28. September 2016

Raving Iran

(© Rise and Shine Cinema)


















Raving Iran (Schweiz 2016, 90 Minuten)

Regie: Susanne Regina Meures

Besetzung: Arash und Anoosh (Blade & Beard)

Handlung: Musiker haben es im Iran alles andere als leicht. Da sämtliche westliche Einflüsse verboten sind, muss alles einen strengen Kontrollprozess durchlaufen, an dessen Ende nicht selten das Verbot des Produktes steht. Vor allem elektronische Musik hat eigentlich keine Chance auf Verbreitung, wie die Dokumentation Raving Iran anhand der DJs Arash und Anoosh alias Blade & Beard aufzeigt. Ob sie tief in der Wüste einen Rave veranstalten, eine Genehmigung für ihre Musik benötigen oder eine ihrer CDs per Post ins Ausland verschicken wollen – die Kamera ist immer hautnah dabei und blickt so hinter die Kulissen eines Landes und eines politischen Systems, das die Freiheit seiner Künstler und aller Bürger aufs Ärgste beschneidet und wo jedes Streben nach persönlicher Entfaltung einem Kampf gegen Windmühlen gleichkommt.

Nachdem der erste Teil der Dokumentation noch die Schwierigkeiten für Musiker im Iran behandelt, richtet die zweite Hälfte ihr Hauptaugenmerk auf die Frage, ob und wie man sich aus diesem System befreien kann. Nachdem Arash und Anoosh sich bereits mit einem schmierigen, angeblich seriösen Schleuser unterhalten haben und sein Angebot nur aus Budget-Gründen nicht in Frage kam, erhalten sie die Einladung zu einem Musikfestival in der Schweiz. Als es schließlich ernst wird und die beiden die Chance bekommen, ihr Heimatland das erste Mal überhaupt zu verlassen und nach Europa zu reisen, rückt die Entscheidung zwischen dem fast vollständigen Fehlen individueller Freiheit in der vertrauten Heimat und der fremden und ungewissen Ferne, die jedoch die Chance auf persönliche Entfaltung bietet, in den Vordergrund.  
Zum Film: Das Material zu Raving Iran entstand in den Jahren 2013 und 2014, als Regisseurin Susanne Regina Meures die beiden DJs persönlich begleitete. Aus Sicherheitsgründen filmte sie oft nur mit ihrer Handykamera, die Videobänder mussten teilweise heimlich nach Europa geschickt werden, wo der Film schließlich fertig gestellt wurde. So entstand eine Dokumentation, die durch die Augen zweier sympathischer junger Männer einen zutiefst persönlichen Einblick in den Iran und auf seine Einwohner bietet. Ausgehend von Arash und Anooshs Antrieb ihre Musik verbreiten zu dürfen, gelingt es dem Film, einen frischen Blickwinkel auf eine Gesellschaft zu schaffen, die von oberflächlicher Regierungshörigkeit und dem hintergründigen Streben nach persönlicher Freiheit geprägt ist.

So schmunzelt die Mitarbeiterin eines Amtes, das sich mit der Freigabe der Plakatentwürfe des DJ-Duos auseinandersetzt, selbst über die eigenen Richtlinien: "Keine englische Sprache! Aber 'Made in Iran' ist in Ordnung – weil es für unser wunderschönes Land wirbt." Und der Inhaber eines Buch- und Musikgeschäftes rät Arash und Anoosh, ein unauffälliges und den Richtlinien entsprechendes CD-Cover zu wählen, damit die Polizei nicht auf ihr Album aufmerksam wird und weiß: "Die Regierung liebt es, belogen zu werden."

Man mag kritisieren, dass dringende Themen wie die Gefahren, die auf dem Weg nach Europa warten oder die Probleme am Ziel der Reise, wie z.B. offene Anfeindungen, nur am Rande angeschnitten werden – doch hat die Dokumentation auch nicht den Anspruch diese zu behandeln. Gerade im Kontrast zu den sonst vorherrschenden Schreckensberichten zeichnet sie das richtige Bild zur richtigen Zeit. Ein Bild, das für uns durch Verbot und Zensur auf der einen Seite und einseitige Berichterstattung auf der anderen Seite sonst unsichtbar bleibt. Raving Iran ist eindringlich, aber zu keinem Zeitpunkt aufdringlich und ist das authentische Porträt einer Generation, die innerhalb eines antiquierten Systems versucht, mit dem Tempo unserer globalisierten Welt Schritt zu halten – oder aber sich entscheidet zu fliehen. Hochverdiente 8 von 10 Punkten.

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