Samstag, 1. Oktober 2016

#Horrorctober: Der Untergang des Hauses Usher (1928)

(© Image Entertainment)
Im Rahmen des diesjährigen Horrorctober könnt ihr mich auf eine kleine Zeitreise begleiten. Angefangen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, werde ich zehn Filme anschauen und besprechen – einen aus jedem der folgenden 10 Jahrzehnte. Meine Reise startet am heutigen 1. Oktober im Frankreich des Jahres 1928 mit dem Film Der Untergang des Hauses Usher.

Regie bei diesem Stummfilm, der auf einer Kurzgeschichte Edgar Allan Poes basiert, führte Jean Epstein. Unterstützung bei Regiearbeit und Drehbuch erhielt er vom spanisch-mexikanischen Meister des surrealen Films, Luis Buñuel, ein Jahr bevor dieser seinen wegweisenden Kurzfilm Ein Andalusischer Hund produzierte. Nach Uneinigkeiten mit Regisseur Epstein verließ er das Projekt allerdings wieder – sein Einfluss ist dennoch nicht zu übersehen.


Die Geschichte behandelt das Schicksal des Sir Roderick Usher, der zusammen mit seiner Frau auf dem alten Landsitz der Familie Usher tief in einer Sumpflandschaft lebt. Da seine Gemahlin Madeleine Usher an einer unbekannten Krankheit leidet, ruft Roderick seinen alten Freund Allen, einen Arzt, zu Hilfe. Doch auch dieser findet keinen Grund für das mysteriöse Leiden. Schnell wird klar, dass der stetige gesundheitliche Verfall Lady Ushers mit der Leidenschaft ihres Mannes zusammenhängt, ein Porträt von ihr anzufertigen – je vollendeter Madeleine auf der Leinwand aussieht, desto mehr weicht das Leben aus der realen Person. Eines Tages bricht sie endgültig zusammen und wird für tot erklärt. Das und spätestens ihre Beerdigung lassen Roderick Usher verzweifeln und treiben ihn in den Wahnsinn... doch sind wirklich alle Lebensgeister aus seiner Frau gewichen?

Jean Ducoure als Sire Roderick Usher
(© Image Entertainment)
Der Untergang des Hauses Usher widerspricht heutigen Sehgewohnheiten nahezu 
Beeindruckende Effekte unterstützen die Atmosphäre
(© Image Entertainment) 
komplett. Damit meine ich nicht, dass es sich um einen Schwarz-Weiß- und Kurzfilm handelt, sondern die Art und Weise, wie er seine Geschichte erzählt. Die Narration wird zu großen Teilen zurückgefahren, lediglich in sehr wenigen erklärenden Texttafeln wird die Handlung vorangetrieben. Vielmehr als auf eine fesselnde und gruselige Geschichte, setzt Regisseur Epstein auf den Aufbau einer morbiden Atmosphäre. Und dabei wird auch der klare Einfluss Buñuels deutlich, denn die Stimmung des Films entsteht zu großen Teilen durch Elemente, die 1929 in Ein Andalusischer Hund wieder auftauchen: viele Close Ups auf Gesichter, Gegenstände oder Tiere; lange und statische Einstellungen; Überblenden.

Die dadurch erzeugte Atmosphäre wirkt auch heute noch sehr gut. Selbstverständlich muss man sich dafür voll und ganz auf das Geschehen einlassen, was zwischenzeitlich sehr anstrengend sein kann. Es passiert wirklich wenig und teilweise bekommt der Zuschauer für mehrere Minuten lange Einstellungen vorgesetzt, ohne, dass die Handlung voranschreitet. Wenn man es aber schafft, sich vollkommen von den Bildern einlullen zu lassen, dann lässt einen Der Untergang des Hauses Usher auch heute, fast 90 Jahre nach Erscheinen des Films, noch schaudern. Einen nicht unerheblichen Beitrag leistet dazu Jean Debucourt, der die Rolle des Roderick Usher spielt. Gerade nach dem Verlust seiner Frau interpretiert er den stetig mehr in Wahnsinn verfallenden Adeligen Stummfilm-typisch overacted, aber sehr überzeugend und einnehmend. Auch optisch trifft er den Charakter des Verzweifelten perfekt.

Insgesamt kann man an der Optik des Filmes nichts aussetzen. Was Avantgardist Epstein und Surrealist Buñuel hier auf die Leinwand bannten, ist seiner Zeit um einige Jahre voraus und auch heute noch beeindruckend. Abgesehen davon wirkt die Erzählweise doch sehr ungewohnt auf unsere heutigen Sehgewohnheiten und ein klein wenig anstrengen muss man sich schon, um die 63 Minuten Laufzeit durchzustehen. Dennoch auf jeden Fall einen Blick wert und ein interessanter und appetitanregender Einstieg in den Horrorctober.

Eine Wertung fällt an dieser Stelle jedoch schwer, da er sich unmöglich nach normalen Gesichtspunkten mit neueren Filmen vergleichen lässt. Aus filmhistorischem Blickwinkel und da er mich durch seine Atmosphäre doch fesseln und beeindrucken konnte würde ich hier aber mindest 8 von 10 Punkten vergeben.


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Der Untergang des Hauses Usher (La chute de la maison Usher, Frankreich 1928, 63 Minuten)
Regie: Jean Epstein
Darsteller: Jean Debucourt (Roderick Usher), Marguerite Gance (Madeleine Usher), Charles Lamy (Allan, der Arzt)

Drehbuch: Jean Epstein, Luis Buñuel
Kamera: George Lucas, Jean Lucas
Produktion: Films Jean Epstein

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