Montag, 3. Oktober 2016

#Horrorctober: Freaks – Mißgestaltete (1932)

(© Warner Home Video)
Nachdem der erste Film meiner diesjährigen Horrorctober-Liste mich mit Der Untergang des Hauses Usher in das Frankreich des Jahres 1928 verschlagen hatte, springe ich in der Zeitlinie nun vier Jahre nach vorn und überquere einmal den Atlantik. Der Film, den ich mir heute kredenzt habe, ist Freaks von Regisseur Tod Browning aus dem Jahr 1932. Bekannt als einer der großen Skandalfilme der Kinogeschichte, wurde er in vielen Ländern verboten und ist dies zum Teil bis heute. 

Während einer Kuriositätenschau, in der auch körperlich und geistig behinderte Menschen vorgeführt werden, fängt eine Frau beim Blick in eine Box panisch an zu schreien. Ein Schausteller erklärt, dass es sich bei dem "Geschöpf" in der Kiste um die ehemals wunderschöne Trapezkünstlerin Cleopatra handelt. Freaks erzählt, wie es zu dieser Verwandlung kam: In einem Wanderzirkus werden viele "Missgestaltete" ausgestellt – Kleinwüchsige, Siamesische Zwillinge, Menschen mit fehlenden Extremitäten, geistig Behinderte und einige mehr. Der kleinwüchsige Hans, der mit der ebenfalls kleinwüchsigen Frieda verlobt ist, verliebt sich in die schöne Trapezkünstlerin Cleopatra, schmeichelt ihr, macht ihr Geschenke – mehr als Verachtung hat sie für Hans jedoch nicht übrig. Erst als sie erfährt, dass diesen ein großes Erbe erwartet, ändert sich ihre Sichtweise. Mit ihrem Geliebten, dem Muskelmann Hercules, schmiedet sie den Plan, Hans zu heiraten, um an das Geld zu gelangen... doch selbst während der Hochzeitsfeier macht Cleopatra sich über die "Freaks" lustig. Und mehr noch, sie und Hercules versuchen Hans zu vergiften. Das öffnet ihm schließlich die Augen und bei der Rache erhält er tatkräftige Unterstützung von seinen Kumpanen.


Das Dinner der "Freaks" (© Warner Home Video)
Der Grund dafür, dass Freaks und seine Thematik so schockierten und ihn bis heute zu einem sehr kontroversen Werk machen, ist, dass Tod Browning in den Rollen der "Freaks" echte "Missgestaltete" besetzte, die er auf Rummelplätzen und in Zirkussen rekrutierte. Der Regisseur, der im Jahr 1931 für Universal den populären Dracula mit Bela Lugosi in der Titelrolle gedreht hatte, sollte für MGM diesen Erfolg wiederholen und entschied sich für diesen Weg, um Authentizität zu garantieren. Allerdings stieß dieses Vorgehen zu seiner Zeit auf alles andere als Gegenliebe – Schauspieler weigerten sich, mit den Missgestalteten zu spielen, es folgten Boykotte und Verbote. Damit sorgte dieser Film auch dafür, dass Browning, trotz des großen Dracula-Erfolges, nur noch vier weitere Filme drehen konnte.

Erst im Laufe der Zeit konnte Freaks viele Zuschauer und Fans erreichen und avancierte zum Kultfilm. Vollkommen zurecht, denn er ist in den meisten Belangen einfach großartig. Sei es die morbide und verstörende Atmosphäre, die Browning weckt – was zu großen Teilen an der Authentizität des Gezeigten liegt, oder das Statement für Menschlichkeit, welches in seiner Entstehungszeit auf energische Gegenwehr stieß. Die Menschen der 1930er Jahre konnten es wohl nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, dass die Missgestalteten, die von der Gesellschaft in der Regel nicht als Menschen gesehen wurden, als liebenswürdige Charaktere und als die Opfer dargestellt wurden, während die schöne Cleopatra das eigentliche Monster der Geschichte ist. Freaks ist eine wunderbare Metapher dafür, dass wahre Schönheit – genauso wie Hässlichkeit – von Innen kommt.


Promo-Poster: Cleopatra nach der Verwandlung
Diese Botschaft verpackt in einen packenden Gruselfilm, der eine tiefe, dunkle, bittere Stimmung heraufbeschwört, fasziniert und verstört – auch über 80 Jahre nach dessen Entstehen – sorgt dafür, dass Browning hier ein wahres Meisterwerk schuf. Traurig, dass dieses viel zu selten gewürdigt und oft nur plakativ als Skandalfilm präsentiert wurde, welcher sich traut Menschen mit echten Behinderungen zu zeigen. Ebenfalls traurig ist, dass wir heutzutage nur rund zwei Drittel der Ursprungsfassung zu sehen bekommen, da der Rest leider nicht mehr vorhanden ist. Doch auch in dieser Rumpfversion kann Freaks durchweg überzeugen und zieht den Zuschauer tief in das Geschehen hinein. Und nach Ende des Films kann man nicht einfach abschalten und das Gesehene verdrängen – es beschäftigt noch lange, weckt unangenehme Gedanken und lässt wahrscheinlich auch schlecht träumen. 

Ein Film, den jeder Filmliebhaber gesehen haben sollte. Und eigentlich auch jeder andere – was auch nicht an unseren heutigen Sehgewohnheiten scheitern sollte, denn für sein Alter wirkt Freaks erstaunlich modern. Wegen der wichtigen Botschaft, die vor allem für die Produktionszeit außergewöhnlich ist und die genial-gruselige Atmosphäre vergebe ich hochverdiente 9 von 10 Punkten.


_____     _____     _____


Freaks – Mißgestaltete (Freaks, U.S.A. 1932, 64 Minuten, FSK 16)
Regie: Tod Browning
Darsteller: Olga Baclanova (Cleopatra), Harry Earles (Hans), Daisy Earles (Frieda), Henry Victor (Hercules)
Drehbuch: Al Boasberg, Willis Goldbeck, Leon Gordon, Edgar Allan Woolf (Basierend auf der Kurzgeschichte Spurs von Clarence Robbins)
Kamera: Merritt B. Gerstad
Produktion: Tod Browning, Irving Thalberg


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen