Montag, 17. Oktober 2016

#Horrorctober: Rosemaries Baby (1968)

(© Paramount Pictures)
Der fünfte Film meines diesjährigen Horrorctober bedeutet für mich Bergfest und gleichzeitig das Ankommen beim ersten Farbfilm meiner Liste. Nach Die Fliege von 1958 springe ich zehn Jahre weiter gen Gegenwart und nehme mir Roman Polanskis Klassiker Rosemaries Baby zur Brust. In diesem verfolgt der Regisseur die Geschichte des Ehepaares Guy und Rosemarie Woodhouse, die in eine neue Wohnung ziehen. Dass diese sich in einem Haus befindet, das seit langem für sonderbare und vor allem todbringende Vorgänge bekannt ist, stört sie zunächst wenig. Gerade erst in der neuen Heimat angekommen, bringt sich eine junge Frau um, die bei den Nachbarn der Woodhouses, den Castevets wohnte. Diese wenden ihre Aufmerksamkeit daraufhin vermehrt den Neulingen zu, werden aufdringlicher und merkwürdiger. Während Rosemarie nach und nach misstrauischer ihnen gegenüber wird, freundet sich ihr Ehemann immer mehr mit ihnen an. Gleichzeitig nimmt seine erfolglose Schauspielkarriere einen plötzlichen positiven Verlauf. Eines Tages wird Rosemarie nach dem Verzehr einer von Minnie Castavet zubereiteten Mousse au Chocolat schummrig – und wacht inmitten einer unheimlichen Zeremonie wieder auf, befindet sich jedoch in einem tranceähnlichen Zustand. Sie kann nichts machen, als sich ihr ein unmenschliches und furchteinflößendes Wesen nähert... kurz darauf ist sie schwanger. Ihr Mann Guy behauptet, mit ihr geschlafen zu haben, während sie im Alkoholrausch ohnmächtig war – doch zweifelt sie mehr und mehr an den Worten ihres Gatten.

Nach dem großen Erfolg von Tanz der Vampire drehte Roman Polanski diesen Klassiker des Horrorfilms. Dabei ist der Film eigentlich mehr ein spannendes Psychodrama, welches sich einer übernatürlichen Horrorthematik bedient. Die erste Hälfte der 130-minütigen Laufzeit nutzt Polanski zur Etablierung von Personen, Schauplätzen, Thematik und zum Aufbau von Stimmung und Atmosphäre. Das mag sich an einigen Stellen etwas in die Länge ziehen, wird dabei jedoch nie langweilig. Es sind die kleinen Details, die für durchgängige Faszination sorgen. Es gibt überall Hinweise zu entdecken, die bereits früh den Lauf der Geschichte erahnen lassen – und allesamt nicht gerade subtil sind. Hier wäre es etwas spannender und stimmungsfördernder gewesen, wenn diese unterschwelliger und nicht so sehr mit dem Holzhammer eingestreut worden wären. So sorgen sie jedoch stellenweise für einen gewissen Unterhaltungswert, was die ansonsten recht angespannte Stimmung auflockert. Das stört nicht weiter, wäre andersherum aber wahrscheinlich wirkungsvoller gewesen. Aber genug des Konjunktivs.

Dass spätestens nach dem großen Reveal jedem Zuschauer der weitere Verlauf der Geschichte bekannt sein dürfte, sorgt in der zweiten Hälfte des Films für einen sehr gelungenen Spannungsaufbau. Dem Zuschauer ist die Lage genau bewusst, ganz im Gegenteil zur Hauptprotagonistin Rosemarie. Diese tappt lange im Dunkeln und vertraut viel zu sehr ihrem (größtenteils männlichen) Umfeld. So macht die arme Frau, nachdem sie geschwängert wurde, eine schwer anzusehende Tour de Force mit. Es tut weh zu sehen, was mit Rosemarie passiert. Ihr Umfeld wird immer beängstigender, sie leidet immer mehr und dennoch bleibt sie freiwillig in ihrem Gefängnis. Und will sie schließlich daraus entfliehen, stellt sich ihr jemand in den Weg. So baut man als Zuschauer des Geschehens einen sich immer weiter steigernden Hass gegenüber den Antagonisten auf. Durch die Sympathie und Nähe, die man als Außenstehender vor der Leinwand für Rosemarie aufbaut, erzeugt Polanski eine Hitchcock-artige, suspensige Atmosphäre, die vom großartigen Soundtrack noch gestützt wird und den Film so auf elektrisierende Weise in Richtung Finale treibt.

Vollkommen zu Recht ist Rosemaries Baby ein hoch geschätzter Klassiker. Roman Polanski beweist sein großes Talent für die Kreation interessanter Figuren und dichter Atmosphäre. Mit besonderem Blick auf kleine Details wird so eine knisternde Spannung erzeugt, die sich vom Beginn des Films an langsam steigert, in ein Mitleid-durchtränktes Mitfiebern ausartet und dadurch schließlich für ein kraftvolles Pay Off im Finale sorgt – insgesamt gehört das Ende für mich zweifelsohne zu den großen Enden der Filmgeschichte. Alles andere als unschuldig an der Intensität des Films sind auch die Schauspieler, allen voran Mia Farrow und John Cassavetes als Ehepaar Woodhouse, sowie Ruth Gordon und Sidney Blackmer als Mann und Frau Castevet. Während Mia Farrow die Leiden der jungen Rosemarie durch und durch überzeugend und zutiefst mitleiderregend zu vermitteln weiß und John Cassavetes ihren aalglatten und hintergründig bösen Gatten verabscheuenswert verkörpert, sind in der ersten Hälfte des Films vor allem Ruth Gordon und Sidney Blackmer die heimlichen – oder eher unheimlichen – Stars. Sie spielen die Castevets merkwürdig, creepy und von Minute zu Minute beängstigender. Zunächst belustigend, lassen sie nach und nach Misstrauen und Hass im Zuschauer aufsteigen.

Alles in allem ist Rosemaries Baby (neben Freaks) das bisherige Highlight meines Horrorctober. Lange habe ich diesen Klassiker vor mir hergeschoben und nun bin ich mehr als froh, ihn endlich nachgeholt zu haben. Wenn man von einigen Längen absieht und davon, dass es sich hier mehr um ein Psychodrama mit Horrorthematik als um einen wirklichen Horrorfilm handelt, dann kann man sogar von einem Meisterwerk sprechen. Großartige, sich steigernde Spannung, wunderbar und faszinierend in seinen Details, ein erstklassiger Score, eine mehr als überzeugende Besetzung und ein fantastisches Ende – von mir gibt es 8,5 von 10 Punkten.


Ach ja: Ich wollte dieses Fass in meiner Review nicht aufmachen, dennoch kann es bei einer kontroversen Figur wie Roman Polanski nicht unerwähnt bleiben – Rosemaries Baby ist beim besten Willen kein Film für Feministen! Die Männer sind chauvinistische Machos, ihre Frauen folgen ohne Widerrede ihrem Willen. Selbst, dass ihr Mann offen erzählt, er habe sie, während sie ohnmächtig war, bestiegen und geschwängert, ist für Rosemarie vollkommen in Ordnung und wird von ihr nicht hinterfragt. Hier zeigt sich das bestenfalls fragwürdige Frauenbild des jungen Roman Polanski, das sicherlich auch ein Produkt der 50er und 60er Jahre ist, aber nicht unkritisiert bleiben darf – den Film zerstört das aber selbstverständlich nicht und beides sollte getrennt voneinander betrachtet werden.


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Rosemaries Baby (Rosemary’s Baby, U.S.A. 1968, 131 Minuten, FSK 16)
Regie: Roman Polanski
Darsteller: Mia Farrow (Rosemarie Woodhouse), John Cassavetes (Guy Woodhouse), Ruth Gordon (Minnie Castavet), Sidney Blackmer (Roman Castavet), Maurice Evans (Hutch), Charles Grodin (Dr. Hill)
Drehbuch: Roman Polanski nach dem gleichnamigen Roman von Ira Levin
Produktion: William Castle
Musik: Christopher Komeda
Kamera: William Fraker


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